In unserem heutigen Post möchte ich doch noch 2 Themen ansprechen: Armut und Höflichkeit mit Schwerpunkt natürlich auf Hainan, wobei die geschilderten Beobachtungen doch schon recht repräsentativ für China sind. Alles Infos aus erster Hand.
Armut – Also ich muss schon sagen, dass ich etwas geschockt bin. Das passt hier alles einfach nicht zusammen. Beijing hatte mich schon tief beeindruckt: Die riesigen Hochhäuser, saubere Strassen, auf der Autobahn zum Flughafen viele nagelneue Limousinen. Sanya sieht ebenfalls beeindruckend aus: Die Hotelanlagen sind edel, es gibt viele nagelneue Appartmenthäuser die sowohl vom Design wie auch Funktionalität alles bieten was man sich wünscht, Straßen sind breit und in einem hervorragenden Zustand, alles ist begrünt und es wird täglich überall alles blank-geputzt. Und dann krieg ich so ein paar Infos zu den durchschnittlichen Gehältern hier und nun frage ich mich ernsthaft, wie die Menschen hier überhaupt überleben können. Der so oft betonte Lohnkostenvorteil Chinas hat bedeutungstechnisch für mich eine völlig neue Dimension angenommen. Einfach Zahlen zu lesen und Statistiken zu vergleichen reicht nicht annähernd aus, um zu verstehen was hier passiert. Ich gebe mal ein praktisches Beispiel:
Eine Kellnerin in einem besseren Restaurant verdient hier durchschnittlich 800-900 Yuan pro Monat. Das sind ca. 90 €, je nach Kurs. Ihre Vorgesetzte, die Managerin, verdient vielleicht um die 1500-1600 bzw. entsprechend 150 €. Eine normale kleine Wohnung kostet ca. 700 Yuan pro Monat und für Essen wird sie auch ca. 200-400 Yuan pro Monat ausgeben, je nachdem wie oft sie selbst kocht. Das bedeutet, dass im Worst-Case-Szenario der Managerin jeden Monat lediglich 400 Yuan übrigbleiben, die sie dann aber auch schnell für Haushaltsdinge, Make-Up oder Kleidung loswird. Die Kellnerin ist da schon von vornherein in den Miesen. Um dieser Problematik zu entgehen haben die Menschen entsprechend einen völlig anderen Lebensstil. Man lebt in Gruppen. Das macht alles billiger und einfacher. Apartments werden geteilt, bei den Geringverdienern leben oft 3-6 Leute in einem Raum. Selbst die Besserverdiener teilen sich aber größere Apartments um die Kosten so weit zu senken wie nur möglich. Es wird gemeinsam gekocht, Essen schmeckt besser wenn man gemeinsam mit Anderen zu Tisch geht. Parties? Restaurants? Cafés? Karaoke? Ja, gelegentlich gönnt man sich auch mal so einen Event, aber zum Alltag gehört das nicht. Der Großteil verbringt seine Freizeit damit sich vom Arbeitsstress zu erholen, im Internet zu surfen, schlafen oder etwas Zeit am Strand zu verbringen.
Wie sieht da die Zukunftsplanung aus? Bitter. Hier kommt die Familie ins Spiel. Ich kann nur sagen: Die Armen Männer! Vom Ehemann wird erwartet, dass er der Familie eine Wohnung oder besser gleich ein Haus kauft. Hier in Hainan schwanken die Häuserpreise zwischen 50.000-200.000 € ! ! ! Da wir aber hier im Paradies sind, kann man das natürlich nur bedingt als Maßstab nehmen. Aber selbst wenn wir den Preis auf 10.000 € runterschrauben würden, frage ich mich wie ein normaler Arbeiter sich so etwas jemals leisten kann. In solchen Fällen greift also einem die Familie unter die Arme und investiert ihr hart über Jahrzehnte erspartes. Manchmal verkauft man dafür auch die eigenen vier Wände und kauft dann halt ein neues größeres Haus in dem dann Alle zusammen wohnen können. Hier kommt natürlich wieder der Mengenvorteil ins Spiel. Mehr Leute im Haus bedeutet insgesamt weniger Kosten für Alle, da man sich Alles teilt.
Privatsphäre gibt es nicht und es wird auch wenig Wert darauf gelegt. Man lebt zusammen. Punkt. Selbst Erwachsene sind es gewohnt sich Wohnungen und Räume zu teilen. Hat man geheiratet und sich tatsächlich eine eigene Wohnung leisten können, so ist die Freiheit spätestens vorbei sobald das Baby zur Welt kommt. Dann kommt nämlich gleich die Mutter angeflogen, um sich um Kind und Tochter zu kümmern. Sie bleibt mindestens 3 Monate, in der Regel jedoch 1 Jahr. Übrigens kommt sie auch angereist und besteht darauf zu bleiben, selbst wenn die neue kleine Familie nur in einer 1-Raum-Wohnung untergebracht ist.
Auslandsaufenthalte, höhere Bildung – das sind keine Themen über die man spricht, sondern Träume die gelegentlich mit einem blitzenden Auge erzählt werden. In manchen Fällen kam es mir vor, als ob dieser Blitz einen Hauch von Trauer und Hoffnung in einem enthalten würde… es ist wirklich bitter. Manchmal wenn ich an die Strandbar gehe und mir zwei Drinks + Snacks bestelle, dann muss ich schon daran denken, dass ich in dem Augenblick gerade mehr Geld ausgebe als so mancher hier für 10 Tage für Essen zur Verfügung hat.
Höflichkeit – Japanisch und Koreanisch haben sehr viele Höflichkeitsstufen, die es beim Lernen zu beachten gibt. Ich habe sie immer gehasst und zu Beginn mich teilweise schlicht geweigert das Vokabular in der Richtung auszubauen. Zu viel Aufwand und Stress. Warum soll ich ein und das gleiche Wort in 3 oder 4 Varianten lernen, wenn es auch eine tut. Oder noch schlimmer: 2 oder gar 3 verschieden Wörter für ein und das Gleiche. Spätestens während meines Praktikum im Hotel in Korea habe ich dann jedoch diesen Punkt sehr zu schätzen gelernt und nicht zuletzt habe ich durch den Einsatz eben solchen Vokabulars auch Menschen von komplett anderem Schlag kennenlernen dürfen. Menschen die sich höflich und gebildet ausdrücken können gehen auch oft mit einem anders um. Kein Rumgespucke, Gerotze, Brüllen, Schreien und in den meisten Fällen zollt man dem Anderen doch eine andere Form von Respekt. Im Chinesischen gibt es quasi keine Höflichkeitsform. Wenn es aber nicht einmal in der Sprache eine Unterscheidung zwischen höflich und unhöflich gibt, wie soll man dann da in den täglichen Umgangsformen miteinander unterscheiden? Man tut es nicht, bzw. man tut es einfach deutlich weniger als das eben in Korea und Japan der Fall ist.
Ich bin immer wieder erstaunt, wie locker man hier alles nimmt. Der einzige Trick um hier überleben zu können ist wirklich nichts, aber auch wirklich GAR NICHTS persönlich zu nehmen. Wenn einer auf seinem Motorrad vorbeifährt und dich anschauend auf den Boden spuckt dann hat das nichts zu sagen. In Berlin-Neukölln würde man so eine Person wahrscheinlich vom Motorrad ziehen und grün und blau prügeln. Hier sind solche Spuck-Vorfälle eben alltäglich und normal. Gleiches gilt für alle anderen bereits erwähnten Phänomene. In den seltensten Fällen will jemand einen beleidigen, sie denken sich einfach nichts dabei und wissen nicht, dass so etwas als Unhöflichkeit eingestuft werden könnte. Ich frage mich, wie wohl die Reaktion wäre, wenn man beim Rotzen oder Spucken dann doch mal zufälligerweise die Person trifft… :- )
Also ich muss schon sagen, dass ich mich manchmal doch nach den Höflichkeitsstufen und Floskeln sehne. Nein, nicht manchmal. Ich sehne mich danach. Was mir damals so nervig und unnötig erschien bekommt hier eine komplett neue Bedeutung. Natürlich gibt es auch höfliche Chinesen – aber nach 3 Wochen hier, kann ich die Zahl der getroffenen wortwörtlich an einer Hand abzählen. Und ich habe schon sehr, sehr viele getroffen. Wenn ich mir auch so nebenbei eine Bemerkung am Rande erlauben darf: Selbst die schönste Frau kann für mich furchbar schnell furchtbar unattraktiv werden, wenn sie sich eben… naja, eben so benimmt wie das der Großteil hier eben tut…
So viel zu heute… hm, wenn ihr jetzt hier einen leichten Kulturschuck aus dem Text herauslesen konntet, dann seid ihr gut. Ich glaube ich komme jetzt tatsächlich ein klein wenig in die Kulturschock-Phase. Das Gute ist aber, dass ich mich einfach so in die Arbeit vertiefen kann, dass ich dieses kleine Tief schnell hinter mich werde bringen können. Die Arbeit ist nämlich nach wie vor genial und langsam aber sicher fange ich an meine Flügel auszubreiten. Die ersten Ergebnisse werden hoffentlich schon bald ersichtlich werden… aber dazu später mehr ;- )
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