als ich gestern früh um 11 den bus aus berlin richtung hamburg nahm war ich noch ganz schön müde. ich wollte eigentlich schon den um 9 uhr nehmen, damit ich mich in aller ruhe noch in der stadt umschauen und den ort für mein bewerbungsgespräch stressfrei ausloten kann, aber den hab ich um wortwörtlich sekunden verpasst. er ist mir genau vor der nase weggefahren. dafür konnte ich mir dann aber ein gemütliches frühstück erlauben.
wie dem auch sei, der weg nach hamburg war angenehm. der bus gleitete sanft über die autobahn, die schneebedeckten felder und dörfer, die der blick zwar registrierte jedoch an ihnen vorbeiwanderte, beruhigten und ließen den stress der großstadt ein wenig zurück. oder war es die baldrian tablette die ich davor genommen habe? entlang der autobahn stehen viele windparks. die riesigen rotorblätter der generatoren kreisten gemütlich, schon fast lässig vor sich hin. im hintergrund hörte ich chris rea im radio mit dem song „road to heaven“ und ehe ich mich versah verfiel ich in einen leichten schlaf.
ankunft in hamburg. es ist 14.10 uhr, ich habe also noch 50 minuten um das „korea business center“, eine außenstelle der korea trade agency (KOTRA) ausfindig zu machen. das ubahn netz ist übersichtlich, stadtpläne sind ebenfalls an jeder station zu finden und die menschen auskunftsfreudig. ohne allzu viel mühe habe ich meinen bestimmungsort gefunden und stand vor der tür – rund 15 minuten zu früh. dann kam das vorstellungsgespräch. knapp 2 stunden hat es gedauert und ich bin mir nicht sicher über das resultat. darauf werde ich noch 2-3 wochen warten müssen. ein paar schöne zufälle gab es aber wieder. so hat es sich im interview ausgezahlt, dass ich auf der energiemesse in seoul war im oktober, auch dass meine BA arbeit sich mit koreanischen KMU beschäftigt scheint gut angekommen zu sein und als ich dann einen artikel der financial times deutschland zusammenfassen und ins koreanische setzen sollte, haben sich die in letzter zeit gepaukten vokabeln wie 구조조정 (umstrukturierung) oder 금융위기 (bankenkrise) recht problemlos aus dem hirn herausfischen lassen. dennoch bin ich mir nicht ganz sicher, ob es qualitativ für die position reicht. es ist halt eher eine BWLer position und die damen und herren schienen überrascht dass koreanistik mein hauptfach ist.
dann noch eine alte freundin getroffen, gemütlich was essen gegangen und die stadt begutachtet. ich war schon öfter in hamburg, aber ich habe es nie aus der perspektive betrachtet wie gestern. es steht ja nun die frage im raum, ob ich nicht im april dort hin ziehe.
es gibt so fragen bei vorstellungsgesprächen, auf die man sich gut vorbereiten kann und sollte. wie sind sie auf unser unternehmen aufmerksam geworden? was sind ihre stärken? was sind ihre schwächen? wie denken sie, könnten sie dazu beitragen, dies oder das ziel zu erreichen? warum denken sie, dass sie zu unserem unternehmen passen würden?
es gibt aber auch fragen, die mir schwer fallen. eine frage mit der ich nicht gerechnet hatte (obwohl ich genau wußte dass sie rankommen würde – tief in meinem innern) war, was denn mein lebenstraum wäre. ich finde diese frage insofern schwierig, weil die interpretation der antwort von person zu person unterschiedlich sein kann – und sich unterschiedlich auf die bewerbung auswirken kann. muss der traum zu dem angestrebten beruf passen? ist es wichtig einen „traumberuf“ zu haben und diesen anzusteuern oder reicht es einen traum zu haben, den man sich später im alter auf die eine oder andere form erfüllen möchte? zudem finde ich die frage sehr persönlich. in korea gehören jedoch direkte, sehr persönliche fragen zu den standardfloskeln beim ersten treffen. wird es nun als unhöflich aufgenommen, wenn man so einer frage ausweicht oder eben unbeantwortet läßt? ich habe diese frage bis jetzt 3 mal gehört, jedesmal nur bei vorstellungsgesprächen mit koreanischen chefs und jedesmal muss ich auch im nachhinein darüber grübeln. nicht weil ich keine antwort darauf hätte, sondern weil ich eben doch ein recht unbeständiger typ bin.
als jugendlicher wollte ich unbedingt kampfsporttrainer werden. eine eigene sportschule und trainer als hauptberuf. für mich gab es damals eben nichts außer dem sport, das war meine stärke und anderes hat mich nur mäßig interessiert. als ich anfing als trainer nebenbei zu arbeiten, bemerkte ich dann, dass das kein beruf ist, mit dem man sich viele wünsche erfüllen kann – trotz hoher stundenlöhne von damals rund 45 DM und später nach anpassung und reformen immer noch anständigen 20 €. dann kam das interesse für aktien und mein neuer traum war der investmentbanker – und kampfsporttrainer nebenberuflich. wie einige jedoch mittlerweile eventuell gemerkt haben, hege ich milde ausgedrückt eine gewisse abneigung gegen viele praktiken der finanzbranche. je mehr ich darüber gelernt habe, umso mehr stellte ich fest, dass das nicht meine welt ist. nun entdeckte ich mein sprachtalent und im hotel-business endlich einen dienstleistungsservice, bei dem ich mich richtig wohl fühle. auch das hat einen kleinen neuen traum erweckt. aber ist es DER traum? schwer zu sagen. mein character ist so wechselhaft, dass es mich manchmal schon selbst fast erschreckt. nur eine einzige sache ist in den letzten 20 jahren konstant geblieben – die liebe zum kampfsport. das ist aber kein beruflicher lebenstraum. das ist einfach ein teil meines lebens.
es gibt menschen, die wissen von klein auf was sie werden wollen und steuern direkt darauf zu. ich finde das zwar etwas langweilig, denn der „selbstfindungsprozess“ verläuft da ganz anders und eben viel schmalspuriger, dafür verlieren diese menschen jedoch weitaus weniger zeit und finden sich deutlich schneller in positionen wieder, die dem entsprechen was sie sich auch vorstellen. wenn ich meinen lebenslauf betrachte, ist es mehr als offensichtlich, dass ich da nicht dazu gehöre. so viele verschiedene jobs und praktika in den unterschiedlichsten branchen wie ich schon hinter mir habe, haben glaub ich nicht allzu viele auf ihrer liste. pc-techniker, ladenverkäufer, kampfsport-trainer, bauarbeiter, übersetzer, dolmetscher, journalistischer assistent, banker, möbelschlepper, kindergärtner, sekretär, sachbearbeiter, mitarbeiter im marketing und mitarbeiter bei einer stiftung sowie nun als letztes mein hotel job. ich bin mir sicher da fehlen noch 3-4, sie fallen mir nur grad nicht ein. ich arbeite seit ich 18 bin, ein generalist sozusagen denn ich glaube so richtig versagt habe ich nur als kindergärtner, aber so wie man sich das anschaut, ist der rote faden seeehr dünn. so langsam wird es wohl zeit ihn etwas zu festigen. am 8. märz gibt es auch wieder eine hotelmesse, für die ich mich ebenfalls bereits angemeldet habe.
heute dann noch eine nette überraschung: in dem kurs chinesische wirtschaft habe ich meine hausarbeit nach einem etwas neuen system geschrieben, hatte mir dafür vorher extra das buch über wissenschaftliches arbeiten zugelegt und versucht mich an die dort gemachten vorschläge zu halten, literatur sehr sorgfältig ausgewählt und dabei aber versucht objektiv kritisch zu bleiben aber dennoch meine meinung deutlich zum ausdruck zu bringen… und es ist nun eine glatte 1,0 geworden. wunderbar, so soll das sein! die note freut mich auch besonders, weil die dozentin eine diplom kauffrau mit berufserfahrung ist, und in wirtschaftsthemen ist mir da so eine note viel mehr wert als von reinen uni-wissenschaftlern die den arbeitsmarkt nur als wort kennen. japanische wirtschaft war ohne hausarbeit eine 1,7 (nur klausur), jetzt fehlt mir nur noch eine note. unter den gegebenen umständen kann ich mir übrigens sogar eine 4,0 in der BA arbeit leisten – und ich werde immer noch einen schnitt von 1,x halten können. die bestätigung der exmatrikulation habe ich übrigens schon. zum 31.3. bin ich kein student mehr.
Comments